Montag, 03. Februar 2003 - Berliner Morgenpost - Kultur
Keltischer Kobold
Jede Menge Gefühl: Sängerin Sinéad O'Connor besinnt sich auf irische Traditionen
Von Peter E. Müller
Die Hohepriesterin der gefühlvollen Ballade: Sinéad O'Connor
... Jetzt steht der 36-jährige keltische Kobold barfuß und mit einem großen
Kruzifix um den Hals auf der Bühne. Sechs Musiker und Musikerinnen, die
zuvor schon Liedermacher
Damien Dempsey aus Dublin begleitet haben, stehen
ihr zur Seite. Ihr großartiges Album 'Sean-Nós Nua' erschien interessanter
Weise beim Hardrock-Label Roadrunner. Darauf singt sie traditionelle irische
Folksongs, die nun auch dieses Konzert dominieren.
Sinéad O'Connor ist ruhiger geworden. Mit burschikosem Charme schlendert
die Mutter zweier Kinder, die sich vor drei Jahren zur Priesterin weihen ließ,
ans Mikrofon. Sie singt, ja haucht zunächst, die tragische Liebesballade von
'Peggy Gordon'. Und sofort knistert es vor Emotionen, selbst in der nicht
gerade intimen Treptower Industriehalle. Sofort umarmt einen diese
gefühlvolle, modulationsreiche, geliebte Stimme.
Irischen Klassikern wie 'My Lagan Love' oder 'Paddy's Lament' haucht sie
neues Leben ein. Keltische Melodien werden mit karibischem Reggae
verbandelt. Und die anwesenden Iren werden bei 'Oró Sé Do Bheatha 'Bhaile'
kurzerhand zum Mitsingen animiert. Fast beiläufig erklingt auch 'Nothing
Compares 2 U' in neuer Instrumentierung mit irischer Flöte. 'I Am Stretched
On Your Grave' widmet sie "allen toten Seelen, die gerade mit uns sind". Ja,
auch viele ihrer älteren Songs werden ins Band-Konzept eingepasst, in einen
warmen Sound, der von Cello, Gitarre und Akkordeon, Keyboard, Bass und
Schlagzeug geprägt ist.
Die Frau mit den großen traurigen Augen schert sich nach wie vor keinen Deut
um Bühnengarderobe oder Showmätzchen. Sie kann sich immer noch nicht
bewegen. Dafür bewegt ihr Gesang umso mehr. Sie wärmt das Herz, sie
streichelt die Seele, sie lässt sich fallen in überwältigende Gefühle. Und
man fällt willig mit.
© Berliner Morgenpost
morgenpost.berlin1.de/archiv2003/030203/feuilleton/story581501.html
03.02.2003 - Lippische Landes-Zeitung
Auf der Suche nach den Wurzeln
Irische Sängerin Sinéad O'Connor begeistert in Berlin
bei einem ihrer zwei Deutschland-Konzerte
Von Ralf Bittner
Berlin. Barfuß, in weitem T-Shirt und einer schlabbrigen Hose, eine Kette mit einem
Kreuz um den Hals - so tritt die kurzhaarige Sängerin auf die Bühne der
Arena in Berlin. 'Sean-Nós Nua',
wörtlich etwa "neuer alter Stil", heißt das aktuelle Album der irischen Sängerin,
und Songs aus diesem Album stehen im Zentrum ihres Auftritts.
Große Posen auf der Bühne sind nicht ihre Sache. Konzentriert, die Augen meistens
geschlossen - die zierliche Person wirkt in sich gekehrt.
Mit irischen Traditionals von ihrer neuen CD beginnt ihr Konzert. Sobald Sinéad O'Connor
die positiven Reaktionen der Zuhörer spürt, huscht auch mal ein versonnenes
Lächeln über ihr Gesicht.... Begleitet von ihrer sechsköpfigen Band, gelingt
es Sinéad, diese Energie von Anfang an auf das Publikum überspringen zu lassen.
Ihre Hits spielt sie zwar auch, etwas versteckt im zweiten Teil ihres Programms. Fast wirkt das wie ein
Zugeständnis an die Erwartungen des Publikums, doch es bleibt der Eindruck, dass sie
auf der Bühne steht, weil sie sich dort endlich wieder wohlfühlt.....
Auf der Bühne ist von dieser Exaltierheit nichts zu spüren. Ausgeglichen, mit sich
und der Welt im Reinen, wirkt sie im Zugabenteil, wo sie sich allein auf der Gitarre begleitet.
Sie wolle ihre Stücke so spielen, wie sie sie komponiere. Selbst über kleine Patzer
kann sie lachen. "Ich bin keine gute Gitarrenspielerin. Das ist der Grund dafür, warum
ich mir eine Band ins Studio hole."
Nach mehr als zwei Stunden verlässt sie strahlend die Bühne, das Publikum
ruft weiter nach Zugaben.
www.lz-online.de/news/kultur/news/NW_20030203_1725530000.html
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